Wie die Geschichte von Herrschern und Königreiche so teilt sich die Geschichte der Zahnfüllung Amalgam ebenso in drei Etappe: Entstehung (in dem Fall die Entdeckung), die Blütezeit und der Zerfall. Diese Zeitetappen wechseln sich binnen Jahrzehnten. Für diese Zeiträume ist eine immer stärker werdende Opposition charakteristisch, die wir heute als „Amalgam-Kriege“ bezeichnen können.
Während des ersten „Amalgam-Krieges“ haben sich ausschließlich Vertreter der zahnärztlichen Gilde gegen die Verwendung dieses Füllungsstoffes aufbegehrt. Den zweiten „Krieg“ löste das unermüdliche Engagement eines hervorragenden deutschen Chemikers aus. In der derzeitigen dritten Kriegsphase kämpfen zahlreiche namhafte Wissenschaftler verschiedener Disziplinen dafür, dass diese quecksilberhaltige Füllung keine Verwendung in lebendigen Organen findet.
Blicken wir hinter die in wenigen Sätzen festzuhaltende Kerndefinition – sei es reine Geschichte oder die Geschichte eines Wissenschaftszweiges – müssen wir immer wieder feststellen, dass die Details immer reich an sehr persönlichen Haltungen und Meinungen sind. Die Geschichte wird lebendig, an Stelle von Zahlen, Namen und Orte treten individuelle Erlebnisse und Ereignisse. Auch das kann der Grund sein, wieso selbst die Verwendung eines solch giftigen Stoffes im Mund wie das Quecksilber mit einem zeitlichen Abstand als eine verzeihbare Schandtat betrachtet werden kann. Die Menschen sind nicht allwissend, man muss immerfort lernen und das geht oft einher mit Leid und schmerzhaften Erfahrungen. Ein Vergeben kann jedoch nur bis dahin erfolgen, bis der Schaden nicht bewusst verursacht wird…
Die wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten 15-20 Jahren zeigen eindeutig, dass das aus den Amalgamfüllungen sich herauslösende, hochtoxische Stoff (Quecksilber) in unseren Körpern sich ablagert. Unser Organismus ist nicht in der Lage, sich von diesem Stoff alleine zu bereinigen, deshalb gelangt es in den Zustand des chronischen Vergiftetseins durch diesen Stoff. Die gebündelt auftretenden Symptome nennen wir Micromerkurialismus.
Entdeckung und erste Verwendungen des Amalgam-Stoffes
Der Chemiker Bell aus England hat 1818 entdeckt, dass er durch Mischung von Quecksilber und Silberpartikel ein Material herstellen kann, das, bevor es sich zu einer Metalllegierung verhärtet, sehr elastisch und formbar ist.
Die Zahnärzte suchten schon immer nach einem geeigneten Stoff, das anstelle des verfaulten Zahnsubstanz als Füllung nicht nur leicht einzubringen und zu verarbeiten ist, sondern sich auch als eine längerfristige und preiswerte Alternative eignet. Damals war die Bio-Kompatibilität als Kriterium der Verwendbarkeit gar nicht präsent. So kam es, dass ab 1826 der französische Zahnarzt, M. Taveau, diese Stoffmischung unter dem Namen Silberpaste als Zahnfüllung verwendete. Die Silberpartikel gewann man nach einer Weile direkt aus Silbermünzen, so enthielt Amalgam demnächst auch weitere Stoffe wie Kupfer und Zinn.
Der Amalgam-Stoff begann seine Karriere. Er war preiswert, leicht zu verarbeiten und nicht zuletzt ging die Vorbereitung des Zahnes für diese Füllung mit weniger Schmerzen einher, als zum Beispiel für Goldfüllungen. Das einzige Problem war die Bindungsdehnung des Stoffes. Das bedeutete, dass die älteren Legierungen während der Aushärtungsphase sich ausdehnten. Die Füllungen wurden am nächsten Tag zu hoch, manche Zähne bröckelten sogar ab.
Dennoch die im Jahre 1833 genehmigte New Yorker Praxis erlebte eine beinahe filmreife Erfolgsgeschichte. Ausschließlich dank des Amalgamstoffes haben die Crawcour Brüder über 20 Jahre lang ihre Praxis erfolgreich führen können. Zunächst überwiegend Patienten aus den unteren Schichten behandelnd wurde die Zahnarztpraxis mit der „silbernen“ Füllung später:auch bei den wohlhabenderen New Yorker ebenso bekannt und hipp, so dass auch diese Frauen ihre Kinder herbrachten und die silberne Füllung an ihre Freunde weiter empfahlen. Neben dem Konkurrenzkampf irritierte jene Tatsache das Fachpublikum, dass die Crawcour Brüder nicht mal ausgebildete Zahnärzte waren.
I. Amalgamkrieg: 1833 – 1855
Die Grundzüge der ärztlichen Proteste richteten sich gegen folgende Faktoren: 1. Zum Schutze der Bevölkerung gegen den Scharlatanen; 2. Gegen den Stoff an sich; 3. Gegen das Quecksilber, da es hochtoxisch ist und eine vergiftende Wirkung hat.
Die Gesellschaft der Amerikanischen Zahnärzte hat ihren Mitgliedern strenge Auflagen erteilt: Sie hat einfach jene ausgeschlossen, die das Material verwendet haben. Die Begründung lag in dessen verheerenden Wirkung auf Zahn, Mund sowie den gesamten Organismus. Aber alles war vergebliche Mühe. Zahnärzte, die ärmlicheren Patienten behandelt haben, haben das giftige Material weiter im großen Maße verwendet. Es ging auch weiter: 1955 wurde eine eigene Interessenvertretung, die ADA (American Dental Association) gegründet, die auch heute noch als eine der maßgebenden Gesellschaften betrachtet werden kann. Die ADA – eine ganz und gar auf Amalgam aufbauende Gesellschaft - empfiehlt heute noch mehr als 100 verschiedene Amalgam-Produkte für Füllungen. In der Zahnheilkunde geht es auf der einen Seite immer mehr um biokompatible und hochgradig ästhetische Lösungen, auf der anderen Seite beharren sich immer noch zahlreiche Verfechter dieses hochtoxischen Stoffes, das das zweitgiftigste Element der Erde zu 50% enthält, auf dessen Weiterempfehlung und Anerkennung.
Dr. M. F. Ziff, amerikanischer Forscher der Amalgam-Geschichte ist der Meinung, dass nur Psychologen und Psychiater erklären könnten, wieso diese Gesellschaft den auf menschliche Organe schädlich wirkenden Stoff verteidigen und empfehlen.
Es ist aber Fakt, dass bis in die 1980er Jahre zahlreiche Wissenschaftler von der Unschädlichkeit des Amalgams überzeugt waren. Aber zurück zur Chronologie.
Die Blütezeit des Amalgams: ab 1855
Dr. E. Townsend mischte Zinn in die Legierung, wodurch er das Problem der Dehnung während der Aushärtung des Stoffes lösen konnte. 1870 war Dr. Flagg einer der großen Verfechter des Stoffes. Dr. Flagg war ein sehr anerkannter Zahnarzt, auch ein Füllungsinstrument wurde nach ihm benannt. Dr. Black ist ein weiterer renommierter Arzt, der mit der Weiterentwicklung der Amalgamtechnologie diesen Stoff zu weiterem Ruhm verholfen hatte. 1900 verfasste er jene grundlegenden Präparationstechniken zur Vorbereitung der Amalgamfüllung, die auch heute noch Grundlage des universitären Lehrstoffes sind.
II. Amalgamkrieg: 1926 - 1939
1926 tritt Dr. Alfred Stock, Professor der Chemie (Professor des Kaiser-Wilhelm-Institutes) in Erscheinung. Er litt selber unter den Symptomen der Quecksilbervergiftung. Sein ganzes Leben widmete er der Erforschung der Krankheiten, die durch die zwar in kleinen Mengen, jedoch aus den Amalgamfüllungen sich permanent lösenden Quecksilbergase verursacht werden. Schon 1926 machte er seinen Zahnarztkollegen in seinen Publikationen auf Folgendes aufmerksam:
Die Zahnärzte sollten diesen Stoff gänzlich, aber wenigstens wo es nur geht, meiden. Das Quecksilber löst sich in kleinen Mengen permanent aus dem Amalgam heraus und lagert sich in dem menschlichen Organismus ab. Ohne Zweifel ist das Quecksilber die Ursache für viele verschiedene Krankheitssymptome. Diese sind: chronische Müdigkeit, Depressionen, Reizbarkeit, Schwindelgefühle, nachlassendes Erinnerungsvermögen, Entzündungen im Mund, Durchfall, Appetitlosigkeit und chronischer Bronchitis. Die Zahnärzte sollte diesen Tatsachen mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Verwendung, ja sogar die verantwortungslose Einführung des Amalgams als Zahnfüllung ist eine Sünde gegen die Menschheit.
Der II. Weltkrieg brachte dann das Ende des zweiten Amalgamkrieges. Dr. Frykholm war 1941 Augenzeuge eines Vortrages von Dr. Stock in Schweden. Auf Grund eines Missverständnisses vernahm Dr. Frykholm, als ob Dr. Stock seine früheren Ansichten bezüglich der Toxizität des Stoffes selber in Zweifel gezogen hätte. Das war zwar keineswegs der Fall, jedoch veranlasste dies Dr. Frykholm zu weiteren Untersuchungen, Analysen und Statistiken. 1957 fasste er seine Ansichten in dem „Acta Odontoligia Scandinavia“: Der Amalgam ist ein zuverlässig verwendbarer und ungefährlicher Füllungsstoff, Probleme verursacht er nur bei jenen wenigen, die darauf empfindlich reagieren.“ Diese Grundmeinung wurde dann zur Kernaussage der Politik der Internationalen Zahnarzt Gesellschaft.
III. Amalgamkrieg
Bis vor ungefähr 20 Jahren waren die Wissenschaftler von der Unschuld des Amalgams selber überzeugt. Zunächst Gay und seine Kollegen haben sich wieder mit dem Phänomen beschäftigt und festgestellt, dass sich Quecksilber als Gas aus den Füllungen selbst ohne Kaubewegung permanent austritt. Diese Erkenntnis hat eine Reihe von modernen Untersuchungen ausgelöst, die eindeutige Beweise für dieses Phänomen liefern. (1. Abbildung)
Die Belastung durch Amalgam wurde viele Jahre lang unterschätzt. Die WHO (World Health Organisation) stellt auch nur 1991 fest, dass die allgemeine Quecksilberbelastung der Bevölkerung durch den Bestand der Amalgamfüllungen wesentlich beeinflusst wird. 1996 wird festgehalten, dass man im Falle des Quecksilbers über keinen toxischen Grenzwert reden kann, denn dieser Stoff auch in der kleinsten Menge hochgiftig ist. Auch wenn keine direkten Symptome auftreten.
Das Ende der Amalgam-Zeit?
Die Untersuchungsergebnisse einer schwedischen, durch die Regierung beauftragten Forschergruppe bringen 1987 den Beweis, dass die Amalgamlegierung aus toxikologischer Sicht als Zahnfüllung völlig ungeeignet ist. Bei Schwangeren wird deren Verwendung sofort eingestellt. Ab 1992 werden Amalgamfüllungen programmatisch ausgetauscht, zunächst bei Milchzähnen später dann generell bei Minderjährigen wird sogar die Verwendung dieses Stoffes verboten. Seit 1997 ist die Behandlung mit Amalgam bei jedem schwedischen Bürger untersagt. Die Kosten eines Füllungstausches übernimmt in Schweden im Regelfall die Krankenversicherung. Die entwickelten westlichen Staaten können sich ein gänzlich oder wenigstens teilweise gesetzlich geregeltes Verbot des Stoffes erlauben. Österreich, Australien, Dänemark, Norwegen, Finnland und Deutschland gehen seit 1990 mit zahlreichen Verordnungen offiziell gegen die Verwendung des Stoffes vor. Aber auch in Ungarn gibt es immer mehr aufgeklärte Patienten, die sich die Zahnärzte mit dem Wunsch aufsuchen, die Amalgamfüllungen zu ersetzen. Sie verstehen auch, dass neben dem Füllungstausch auch die abgelagerten Schadstoffe (Schwermetall!) mit den entsprechenden Gegenmitteln aus dem Organismus entfernt werden müssen. In den USA werden die neuesten Erkenntnisse über dieses Material genauso enthusiastische begleitet, wie damals die „Erfolge“. Ein prägnantes Beispiel dafür ist sogar eine kalifornische Verordnung, dernach Amalgam verwendende Zahnärzte verpflichtet sind, folgenden Hinweis in ihren Praxisräumen auszuhängen:
In dieser Praxis wird quecksilberhaltiger Füllungsstoff verwendet. Quecksilber löst sich aus dieser Füllung heraus. Nach heutigem Kenntnisstand wirkt dieser Stoff selbst auf Embryonen schädlich und kann dadurch angeborene Krankheiten verursachen.
Autor: Dr. dent. Ildiko Toth, Vertreterin der biologischen Zahnheilkunde (Ungarn)
Mitglied der MOBOT, Gesellschaft der biologischen Zahnheilkunde und Oralakupunktur in Ungarn







